Und dann kam auch noch Corona. Vielen Menschen fiel es sowieso schon schwer, in unserer schnelllebigen und erfolgsorientierten Welt noch die innere Balance zu halten. Längst ist Stress eine Volkskrankheit, die seit Jahren in unserer Gesellschaft zunimmt. Die Covid-19-Pandemie steigerte diesen Belastungslevel noch einmal erheblich. 

Auch nach Ansicht der WHO gehört diese Art von Druck zu den größten Gesundheitsgefahren des Jahrtausends. Dabei sind Stress und Burnout nicht nur für den Einzelnen belastend, sondern für das gesamte Gesundheitssystem. Zudem entstehen Arbeitgebern so enorme Kosten. Das Berliner Start-Up Kenkou hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine innovative Lösung zur Stresslinderung zu schaffen. Damit sind sie allerdings nicht allein. Im weiteren Kreis konkurrieren sie dabei mit Angeboten wie Headspace oder 7Mind, aber auch mit Hello Better. Nach eigener Einschätzung geht Kenkou jedoch weit über das Angebot einer gewöhnlichen Meditations-App hinaus. Dabei misst das eigene Smartphone unter anderem kardiovaskuläre Vitaldaten, wie zum Beispiel die klinisch erprobte Herzratenvariabilität zur Objektivitierung von Stress und wird so zum persönlichen Anti-Stress-Coach in der Primärprävention.

Kenkou-Geschäftsführer Matthias Puls
Kenkou-Geschäftsführer Matthias Puls

„Da Stress sehr komplex ist und zu mehrdimensionalen Beschwerden führen kann, ist ein individuelles Eingreifen immer erforderlich“, erklärt der Kenkou-Geschäftsführer Matthias Puls. Nach wie vor gebe es am Markt aber kaum Lösungen, die es ermöglichten, Stress im Alltag zu erkennen, zu verstehen und zu beherrschen. „Dies bieten wir mit dem Kenkou Stress Guide extrem niedrigschwellig an.“

Die Folge: Gerade in der Coronakrise erfährt die Anwendung ein enormes Wachstum – in Italien beispielsweise haben sich die Nutzerzahlen innerhalb kurzer Zeit verzehnfacht. In Deutschland kooperiert das Start-up derzeit mit knapp zehn gesetzlichen und privaten Krankenkassen und ist damit für rund 18 Millionen Versicherte erstattbar. „Dazu kommen Arbeitgeber, die unsere App im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements nutzen“, wie Puls verrät. Für den Experten zeigt sich dabei, dass die Menschen ein vermehrtes Bedürfnis danach haben, ihre negativen Emotionen zu beobachten und zu verstehen. Zeitnah erfolgt auch die Aufnahme in den Präventionskatalog der gesetzlichen Krankenkassen, so dass dann eine Erstattungsfähigkeit für 73 Millionen gesetzlich Versicherte erfolgt.

Ungewöhnliches, aber anerkanntes Verfahren

Doch wie ist das mit einem Smartphone möglich? Der Kenkou Stress Guide erfasst nach wissenschaftlichen Methoden das individuelle Stresslevel. Die Nutzer legen dafür ihre Zeigefinger für eine Minute auf die Smartphone-Kamera und die Algorithmen analysieren anhand der Pulswelle im Finger die Herzratenvariabilität, sprich die Abstände zwischen den Herzschlägen. Was zunächst etwas merkwürdig klingt, ist tatsächlich ein anerkanntes wissenschaftliches Verfahren, das auch im klinischen Umfeld eingesetzt wird. Stress ist somit messbar und objektivierbar. Diese essenzielle Erfassung bietet im deutschsprachigen Raum keine digitale Applikation im Zusammenhang mit zielführenden Interventionen zur Ressourcenstärkung gegen Stress. Die alternative Stresserfassung des Cortisols in Speichel oder Blut ist wesentlich aufwändiger und kostenintensiver.

Stressmessung begann im Weltall

Die Untersuchung der Herzratenvariabilität geht auf die Arbeiten des russischen Professors Roman Baevsky zurück. Er entwickelte den noch heute gültigen Stress Index, mit dem erstmals die Belastungsfähigkeit von Kosmonauten während Start- und Landevorgängen in der Raumfahrt oder bei Außeneinsätzen im All überwacht werden konnte. Anschließend setzte sich die Analyse auch im Leistungssport und im klinischen Umfeld durch. Neben der akuten Stressbelastung lässt sich anhand der Herzratenvariabilität auch die Erholungsfähigkeit des Körpers auf lange Sicht einschätzen.

Individuelle Empfehlungen und Stärkung der Widerstandskraft

Durch die Erfassung dieser Vitaldaten ermöglicht die Kenkou App eine nachhaltige Stressprävention. Die User erhalten nach Auswertung ihrer Daten verschiedene, individuell auf die Person zugeschnittene Programme. Dazu zählen neben Achtsamkeitsübungen vor allem themenspezifische Meditationen, Biofeedbackübungen und Anleitungen zu Atemtechniken. Auch auf die Wissensvermittlung zu Stress und Burnout legt Kenkou viel Wert und möchte die Nutzer mit entsprechenden Informationen dazu in die Lage versetzen, ihre Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) eigenständig auszubauen. So wird unter anderem durch die Nutzung des Stress Guides die akute persönliche Belastung gesenkt und eine langfristige Entspannungsfähigkeit aufgebaut. In der Folge steigt die Stimmung der Nutzer. „Im Bereich der Stress- und Burnoutprävention gibt es ein unüberschaubares Angebot an Leistungen. Wir heben uns hiervon ab: Die Kombination aus kontinuierlicher Stresserfassung, Stressqualifikation und Intervention ist einmalig am Markt. Bei der evidenzbasierten und wissenschaftlichen Weiterentwicklung hilft uns unter anderem die Nähe zur TU Dresden und dem Lehrstuhl für Biopsychologie von Prof. Dr. Kirschbaum“, beschreibt Puls die Position von Kenkou im Markt.

Gegründet wurde Kenkou 2015 als Spin-off des Bochumer Grönemeyer Institut für Mikrotherapie. Gründer waren Till Grönemeyer, Max Grönemeyer, Alexander Gorny und Holger Redtel. Die Nähe zu Investoren sowie die Verfügbarkeit von Mitarbeitern führte zum Unternehmensumzug nach Berlin. Aktuell beschäftigt das Unternehmen 12 Mitarbeitern.

Der Kenkou Stress Guide ist seit April 2019 ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt und wird voraussichtlich ab November 2020 für alle Gesetzlich-Versicherten über die Zertifizierung der Zentralen Prüfstelle Prävention erstattbar sein. Damit kommt Kenkou seinem Unternehmensziel, dass Menschen seltener durch Stress erkranken, einen bedeutenden Schritt näher – und das trotz Corona. Ab Herbst 2020 bietet Kenkou anderen Gesundheits-Apps die Möglichkeit die wissenschaftliche Messung und Analyse von kardiovaskulären Vitaldaten über ein Software Development Kit (SDK) in die eigene Anwendung zu integrieren und somit selbst das eigene Produktspektrum zu erweitern.