COVID-19 und die digitale Transformation
– Trends, Herausforderungen und Chancen

Ein Interview mit Jens-Peter Feidner, Managing Director bei Equinix in Deutschland
 

Hamburg@work: Wie hat sich die Corona Pandemie auf die Digitalisierung in Deutschland ausgewirkt?

Jens-Peter Feidner: Equinix hat kürzlich eine weltweite Umfrage unter IT-Entscheidern vorgestellt – die 2021 Global Tech Trends Survey. Ziel ist es, besser zu verstehen, welche Technologie und Digital-Trends Entscheider in Deutschland und international bewegen und was sich seit letztem Jahr im Zuge von Corona bei der Digitalisierung geändert hat.

Die digitale Transformation stand in Deutschland vor der Pandemie in vielen Branchen oft noch am Anfang. Im letzten Jahr kam es zu einem regelrechten Digitalisierungsschub. Viele Unternehmen, die langfristige Digitalisierungspläne hatten, wie z.B. die Migration in die Cloud, haben diese plötzlich schneller umsetzen müssen, um das Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen und neuen Digitalanforderungen gerecht zu werden. Laut Umfrage haben 48% ihre IT- Infrastruktur an die neuen Anforderungen angepasst.

Zu Beginn der Pandemie befürchteten viele zudem eine Investitionsbremse – bei der Digitalisierung war aber das Gegenteil der Fall. 41% der IT-Entscheider in Deutschland haben ihre Digitalisierungspläne beschleunigt, 44% auch ihre IT Budgets erhöht, um sich an den digitalen Wandel der Wirtschaft anzupassen und letztlich auch wettbewerbsfähig zu bleiben.

Hamburg@work: Welche Technologien sind bei der Digitalisierung in Deutschland besonders gefragt?

Jens-Peter Feidner: Die zunehmende Cloud-Nutzung ist aktuell einer der wichtigsten Trends: 73% der deutschen IT-Entscheider sehen dies als Top-Priorität an. Dabei gibt es eine starke Bewegung weg von der alleinigen Nutzung von Public oder Private Cloud, hin zu hybriden und Multicloud-Modellen. Gleichzeitig gibt es in Deutschland aber noch weiteres Potenzial bei der Cloud-Nutzung. Die Befragten Entscheider schätzen, dass aktuell 41% der IT-Infrastruktur ihres Unternehmens in der Cloud liegen. Hier liegen die USA mit 52% vorne. Der globale Durchschnitt ist 47%.

Hamburg@work: Gibt es unter IT-Entscheidern noch weitere Prioritäten, die sich im Zuge der COVID-19 Pandemie bemerkbar gemacht haben?

Jens-Peter Feidner: Die globalen Prioritäten sind relativ ähnlich, da die Digitalisierung Geschäftsmodelle weltweit angleicht. Die Modernisierung der IT-Infrastruktur, der Datenschutz und die Verbesserung der Cybersicherheit spielen branchenübergreifend eine entscheidende Rolle. Das Risiko vor Cyberangriffen ist gerade durch die Verlagerung von Arbeitsprozessen ins Homeoffice und die dadurch verteilten Geräte und Nutzer in der Pandemie gestiegen und zu einem erheblichen Risikofaktor geworden. Es gibt aber auch Technologietrends, die sich regional unterschiedlich entwickeln. 5G ist ein gutes Beispiel hierfür. Der Fortschritt bei 5G hängt stark von den jeweiligen nationalen Ausbauplänen ab und so sagen weltweit knapp 40% der Befragten, dass die 5G-Einführung schnell voranschreitet, während in Deutschland dieser Wert mit nur etwas über 20% deutlich niedriger ist.

Hamburg@work: Welche Rolle nehmen Rechenzentren bei der Digitalisierung ein?

Jens-Peter Feidner: Rechenzentren bilden das Fundament für unsere gesamte digitale Wirtschaft und Gesellschaft und sind deshalb auch Teil der kritischen Infrastruktur. Die neue Arbeitswelt, die im Zuge der Corona Pandemie entstanden ist, wäre ohne diese digitale Infrastruktur nicht möglich gewesen. Oft klagen IT-Entscheider über veraltete IT-Infrastrukturen, mangelnde Fachkräfte und fehlende Interoperabilität mit der IT von Partnern. Genau bei diesen Herausforderungen können Rechenzentren unterstützen.

Große Rechenzentrumsbetreiber bieten Zugang zu einem digitalen Ökosystemen aus Partnern, Cloud-Anbietern, Netzwerken und Services über direkte und sichere Verbindungen, sogenannte „Interconnections“. Die Datenübertragung mittels privater Interconnection ist dabei nicht nur schneller und flexibler, sondern auch sicherer als der Datenaustausch über das öffentliche Internet. Etwa 45% der Entscheider sagen, dass Interconnection ein Hauptbestandteil und treibender Faktor bei ihrer Digitalisierung ist und auch einen Wettbewerbsfaktor darstellt.

Gerade Digital- und Handelsdrehscheiben wie Hamburg profitieren vom Zugang zu einem solchen Interconnection-Ökosystem. So können Kunden in unserem Hamburger Rechenzentrum, die lokal verwurzelt aber global tätig sind, sich flexibel und sicher im Rechenzentrum mit weltweiten Cloud-Anbietern, Netzwerken und Kunden austauschen und so Digitalprojekte beschleunigen. Gerade Hamburgs Status als führende Digitalstadt war ein wichtiger Grund, warum wir dort letztes Jahr einen neuen Standort eröffnet haben.

Hamburg@work: Nachhaltigkeit hat auch bei der Digitalisierung einen wichtigen Platz eingenommen. Die kann der digitale Wandel nachhaltig umgesetzt werden?

Jens-Peter Feidner: Digitalisierung und Nachhaltigkeit gehen Hand in Hand: CO2- und ressourcenaufwändige Prozesse können reduziert und gegen virtuelle, digitale Lösungen ausgetauscht werden, die auf einer möglichst effizienten Infrastruktur aufgebaut sind. Ein Beispiel dafür ist die Video-Konferenz, die aufwändige Dienstreisen ersetzen kann. Auch unsere Umfrage belegt, dass Green IT immer wichtiger wird. Gut 40% der Befragten haben angegeben, dass Nachhaltigkeit ein zentraler Treiber in Ihrem Unternehmen ist, und dass ihre Kunden Wert auf die Klimafreundlichkeit der IT-Infrastruktur legen. Im Umkehrschluss gibt es aber noch Luft nach oben, da fast 60% der Befragten Unternehmen noch keinen langfristigen Nachhaltigkeitsplan haben – und daran möchten wir gerne gemeinsam mit unseren Kunden arbeiten.

Als Anbieter digitaler Infrastruktur leisten wir unseren Beitrag zur nachhaltigen Digitalisierung, indem wir Kunden z.B. helfen, eigene ineffiziente Hardware einzusparen oder durch Colocation die Kühlung zu optimieren und Server besser auszulasten um dadurch die Energieeffizienz zu erhöhen. Im Januar haben wir zusammen mit anderen Anbietern in Europa den Climate Neutral Data Center Pact ins Leben gerufen, mit dem wir uns selbst zum klimaneutralen Betrieb bis 2030 verpflichten. Schon heute betreiben wir unsere Standorte in Deutschland mit 100% Grünstrom.