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Dr. Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der AllBright Stiftung,
im Interview mit Hamburg@work


Dr. Wiebke Ankersen führt gemeinsam mit Christian Berg seit 2016 die AllBright Stiftung in Berlin. Zuvor hat die Skandinavistin für verschiedene schwedische Organisationen in Deutschland gearbeitet, zuletzt als Presseattachée an der schwedischen Botschaft in Berlin. Die gemeinnützige deutsch-schwedische AllBright Stiftung engagiert sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft. Sie präsentiert Fakten und Best Practices, sensibilisiert und fordert von den Unternehmen konkrete Ergebnisse bei der Erhöhung des Frauenanteils in der Führung ein. Mit ihrem Schulungsangebot vermittelt sie außerdem Wissen über chancengerechte Strukturen und gibt Führungskräften Werkzeuge an die Hand, um den nötigen Kulturwandel im Alltag praktisch umzusetzen.

 

Was ist aktuell die größte Herausforderung für deutsche Unternehmen, wenn es darum geht, den Anteil an Frauen in Führungspositionen zu erhöhen?
Ich sehe vor allem zwei Herausforderungen: zum einen die stereotypen Rollenbilder, von denen die deutsche Gesellschaft und auch die Unternehmen geprägt sind. Wir haben eine starke Norm von „Er macht Karriere und sie verdient ein bisschen was hinzu“. Und zum anderen die Tatsache, dass ein so großer Anteil der deutschen Frauen in Teilzeit oder sogar geringer Teilzeit arbeitet. Es ist schwierig, mit 20 Wochenstunden oder weniger Führungskraft zu werden.   

 

Was können sich deutsche Unternehmen in dieser Beziehung von anderen Ländern wie Schweden abschauen? Hast du ein Best Practice Beispiel für uns?
Staat und Unternehmen ziehen da seit Jahrzehnten an einem Strang. Die ganze Arbeitswelt ist darauf ausgerichtet, dass beide Elternteile in Vollzeit oder vollzeitnah arbeiten – „Dual Career“ ist Standard. Und deshalb muss eine Karriere möglich sein, ohne dass einem jemand zuhause komplett den Rücken freihält, wie es in Deutschland zurzeit meist der Fall ist. Es gibt flächendeckend bezahlbare Kitas und es ist in Schweden für Männer und Frauen üblich, pünktlich nach Hause zu gehen, um sich um die Familie zu kümmern. Besonders die Chefs sind da in der Pflicht und machen es mit „loud leaving“ vor: Sie gehen gut sichtbar nach Haus und signalisieren allen, dass es in Ordnung ist, Feierabend zu machen und ein Privatleben zu haben.

 

Welche Vorteile kann einer höherer Frauenanteil in Führungspositionen für die Unternehmen haben?
Untersuchungen zeigen, dass Unternehmen mit einem substantiellen Frauenanteil im Top-Management im Durchschnitt profitabler sind als Unternehmen ohne Frauen. Diese bessere Performance wird darauf zurückgeführt, dass es in den Unternehmen eine bessere Entscheidungsfindung gibt, denn in diversen Gruppen wird mehr infrage gestellt und diskutiert. Die Innovationskraft wächst, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, es gibt ein besseres Verständnis von Gesellschaft und Märkten und last but not least entsteht eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit – meist ändern sich Ton und Kultur und alle fühlen sich wohler.

 

Welchen Rat würdest du Frauen geben, die nach einer Führungsposition in einem deutschen Unternehmen streben?
Seht euch an, wie das Unternehmen auf den oberen Ebenen aufgestellt ist. Gibt es da schon Frauen, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass ihr auf faire Karrierebedingungen trefft, als wenn da eine reine Männermannschaft entscheidet und gestaltet. Frauen im Top-Management sind ein guter Indikator für die Veränderungsfähigkeit von Unternehmen.

 

Wirkt sich die Corona-Pandemie nachteilig für Frauen in Führungspositionen aus? Und wenn ja, warum erfahren insbesondere Frauen Nachteile?
Wir konnten sehen, dass im ersten Jahr der Corona-Krise weniger Frauen im Top-Management besetzt wurden als sonst, da hat ein Reflex in den Aufsichtsräten zugeschlagen. Positionen mit Frauen zu besetzen fühlt sich bei den Verantwortlichen noch immer nach einer riskanteren Entscheidung an. Für die Ebenen darunter wurde dokumentiert, dass hauptsächlich Frauen in der Pandemie ihre Arbeitszeit reduziert haben, um sich um die Kinder im Home Schooling zu kümmern – natürlich sind sie damit weniger anwesend und weniger sichtbar als die Männer, die sich derweil mit Krisenlösungen im Unternehmen in Szene setzen und für Führungsaufgaben empfehlen konnten.

 

Wie geht es weiter? Gib uns einen Ausblick.
Zurzeit sehen wir eine ganz gute Dynamik bei der Berufung von Frauen in Top-Positionen, im vergangenen Jahr waren 28 Prozent der Neubesetzungen in den Vorständen der Börsenunternehmen Frauen. Wenn wir das aktuelle Tempo weiter halten, haben wir in elf Jahren 50  Prozent Frauen und 50 Prozent Männer in den Vorständen. Klingt das nicht gut? Wir müssen allerdings auch dranbleiben und zusehen, dass das Thema weit oben auf der Agenda der Unternehmen bleibt.