Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein
 

Die Digitalisierung ist die bedeutendste Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. „Über 150 Jahre hinweg haben wir Produktionsprozesse in Wertschöpfungsketten zerlegt, durch Arbeitsteilung und Spezialisierung enorme Effizienzpotenziale realisiert und durch Handel und Logistik wieder zusammengefügt. Dadurch haben sich hocheffiziente Verticals gebildet: die Automobilindustrie, die Chemische Industrie oder auch Dienstleistungsbranchen wie Banken oder Versicherungen. An diesem Prinzip haben wir alle gesellschaftlichen Systeme und Subsysteme ausgerichtet: unser Bildungssystem, unser Innovationssystem, unsere Führungskultur und unseren Sozialstaat“, hat es Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor und Geschäftsführer beim Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut treffsicher zusammengefasst.1

Diese Strukturen brechen nun auseinander, denn die Digitalisierung ermöglicht – ja, verselbstständigt – die Vernetzung zwischen den bisher fachimmanenten Verticals. Durch digitale Infrastrukturen wie den mobilen Datenaustausch sowie durch digitale Werkzeuge wie Smartphones und Laptops, entstehen branchenübergreifende Wertschöpfungsketten, die auf horizontalen Vernetzungsprozessen basieren. Prof. Dr. Henning Vöpel spricht in diesem Zusammenhang auch von der "Diagonalisierung der Wirtschaft“.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie wir mit dieser Veränderung umgehen und wie wir den digitalen Transformationsprozess aktiv sowie unseren Vorstellungen entsprechend gestalten können. Dieser Diskussion muss vorweggenommen werden, dass die traditionellen Verticals zwar aufgebrochen, jedoch nicht obsolet werden. Branchenexpertisen bleiben in ausdifferenzierten Wirtschaftsclustern bestehen, werden jedoch durch digitale Innovationen miteinander verbunden. Es entsteht ein immer dichter werdendes Netz aus vertikalen und horizontalen Wirtschaftsprozessen und technologischen Strukturen. Sowohl Unternehmen und ihre Führungsetagen als auch die Gesellschaft als ganze müssen auf deren Grundlage umdenken und umgestalten. Wenn wir dies als Chance begreifen, können wir von der Digitalisierung profitieren.

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung aus dem vergangenen Jahr besagt, dass in Deutschland bis 2035 rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze als Folge der Digitalisierung abgebaut und etwa dieselbe Zahl neu entstehen werden.2 Es werden also keine besonderen Beschäftigungsverluste auftreten, dennoch evoziert die Digitalisierung Umgestaltungsprozesse, die berufsvorbereitende und berufsbegleitende Bildung wichtiger machen als zuvor: Lebenslanges Lernen und berufliche Weiterbildung werden zur Selbstverständlichkeit. Denn es geht darum, sich den immer schnelleren Innovationsprozessen anzunehmen und nicht abgehängt zu werden. Dies ist jedoch nicht nur Herausforderung, sondern auch Motivation und Ansporn – insbesondere für die nachfolgende Generation. Fordern und Fördern sind die neuen Mantren der Unternehmen und die Motoren der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts.

„Die Aufgabe besteht vor allem darin, die Digitalisierung in die Köpfe zu bringen, das heißt die Mitarbeiter zu überzeugen, dass sie Fortschritte bringt“, meint Dr. Alexander Dietrich, Stadtrat der Landeshauptstadt München.3 Dabei ist Digitalisierung zwar ein Führungsthema, denn es ist Aufgabe der Führungsetagen, Transformationsprozesse zu erkennen und zu gestalten, Herausforderungen und Probleme ernst zu nehmen und zu kommunizieren sowie für ein transparentes Erwartungsmanagement zu sorgen, doch der digitale Wandel kann weder ausschließlich von oben noch allein von der IT-Abteilung vollzogen werden. Ein enges Miteinander ist erforderlich – und das ist dank der entstehenden horizontalen Wirtschaftsstrukturen immer besser möglich. Digitalisierung ist inzwischen in allen Branchen angekommen. „Digitalisierungskompetenz ist heute überall erforderlich, auch in den Sozialberufen und den Sozialwissenschaften“, sagt Prof. Dr. Horst Kunhardt, Vizepräsident der Technischen Hochschule Deggendorf.3 Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Digitalisierung von unternehmerischen Kernprozessen einen gemeinsamen Nenner herstellen, auf dessen Grundlage branchenübergreifender Austausch wichtig und sinnvoll erscheint. Abschließend lässt sich wohl festhalten: Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern muss so gestaltet werden, dass sie für alle vorteilhaft und nutzbar ist.

 

 

1 https://www.xing.com/news/insiders/articles/die-diagonalisierung-der-wirtschaft-1077283

2 vgl.: https://www.iab.de/de/informationsservice/presse/presseinformationen/kb0918.aspx

3 https://zentrum-digitalisierung.bayern/wp-content/uploads/07082018_Runder-Tisch.pdf


Fotocredit: Markus Spiske I Unsplash