Hackers+Founders@work | Gesellschaft 4.0:
Digitale Krankschreibung – "Muss ich noch zum Arzt?"


Erkältet und keine Lust, zum Arzt zu gehen und viele Stunden im Wartezimmer zu sitzen, um darauf zu warten, dass der Arzt einem sagt man solle viel trinken und sich ausruhen? Mit dem neuen Service des Hamburger Start-up AU-Schein.de gehört das wohl der Vergangenheit an. Wie genau das mit dem Krankenschein per Email funktioniert hat der CEO Dr. Can Ansay bei unserem letzten Hackers+Founders@work bei WeWork erklärt. Es verhält sich nämlich wie folgt: Die potenziellen Patienten müssen ihre Symptome wie Husten, Kopfschmerz und Übelkeit online angeben, um eine digitale Erst-Diagnose sowie die benötigte Krankschreibung zu bekommen. Mithilfe eines Sicherheitsschlüssels, den der Patient per SMS erhält, kann er anschließend seine Krankschreibung abrufen und herunterladen. Dr. Ansay betont, dass Risikopatienten durch die vorherige Registrierung ausgeschlossen werden und die Vorgehensweise bisher auf hundertprozentige Akzeptanz bei Arbeitgebern gestoßen sei. Warum auch nicht? Schließlich seien das auch nur Menschen, die mal mit einer Erkältung zu kämpfen hätten und die Vorteile lägen ja wohl auf der Hand: Die Patienten sparen sich nicht nur den Weg in die nächste Praxis, sondern auch den lästigen Aufenthalt in den ohnehin meist maßlos überfüllten Wartezimmern. Das entlastet im Umkehrschluss auch die Ärzte selbst, die mit vollen Patientenkarteien kämpfen. Sie können sich vielmehr auf die bereits erwähnten Risikopatienten sowie „Härtefälle“ konzentrieren und ihre Leistungen dort erhöhen, wo sie tatsächlich gebraucht werden. „AU-Schein.de gibt es seit 2018 und bis jetzt ist es zu keiner Fehldiagnose gekommen – das macht uns stolz und lässt uns an der Überzeugung festhalten, dass diese Idee zukunftsträchtig ist!“, sagt Gründer Dr. Can Ansay.

An dieser Stelle lohnt es sich, kurz einzuhaken, denn während im digitalen Prozess bisher keine Fehldiagnosen konstatiert wurden, liegt die Rate bei Praxisärzten bei über 10 Prozent – wobei Fehler, die im Verlauf der Krankheit, also nach der Erstdiagnose, auftreten, in dieser Statistik gar nicht erfasst sind.

Das klingt alles so wunderschön einfach. Doch was sagen die Krankenkassen zu dieser digitalen Lösung? Helmut Gerhards, Chief Digital Officer (CDO) der DAK-Gesundheit saß gemeinsam mit Dr. Can Ansay und Jessica Berg von Hamburg@work auf dem Podium und diskutierte die Vor- und Nachteile der digitalen Krankschreibung. Auch Herr Gerhards maß den sogenannten Risikopatienten eine bedeutende Rolle zu: Bei einer vermeintlichen Lappalie wie einer Grippe seien zu 85 Prozent die Atemwege bakteriell betroffen. Das dürfe man nicht auf die leichte Schulter nehmen, insbesondere bei Patienten mit entsprechenden Vorerkrankungen. Auch wenn Herr Gerhards meint, dass die Software den Arzt nicht ersetzen könne, so sieht er sie doch als gutes Instrument für die erste Einschätzung anhand von Symptomen sowie als eine gewinnbringende Unterstützung für Ärzte und Patienten an. „Wir kommen nicht daran vorbei, das Gesundheitswesen zu digitalisieren!“, sind sich Herr Gerhards und die DAK sicher. Man müsse jedoch sehr sensibel vorgehen und die Ängste und Vorbehalte der Patienten ernst nehmen. Insbesondere ältere Menschen müssten abgeholt und an die neuen Möglichkeiten, die durch den digitalen Wandel entstehen, herangeführt und gewöhnt werden. Wichtig sei es außerdem, Datenschutz groß zu schreiben, denn Datenmissbrauch würde das Vertrauen in die neue Technologie nachhaltig erschüttern.

Die Frage „Muss ich noch zum Arzt?" ist vielleicht etwas zu früh gestellt. Es geht zunächst erst einmal darum, dass Gesundheitswesen schrittweise zu digitalisieren und genau dazu liefert AU-Schein.de einen wichtigen Impuls: Kernprozesse werden digitalisiert, um Ärzte zu entlasten und die Qualität der ärztlichen Behandlungen für Risiko- und Notfallpatienten zu steigern. Es ist gar nicht das Ziel, Ärzte zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich vielmehr die Frage, warum die Krankenkasse nicht die 9,00 Euro (plus Versand) für den digitalen Krankenschein von AU-Schein.de zahlt. Helmut Gerhards spricht von notwendigen Verträgen, die dazu mit Ärzten geschlossen werden müssten – und wünscht sich eine gesetzliche Regelung. Deutschland als Sozialstaat und Treiber der Digitalisierung sollte sich dieser Aufgabe lieber früher als später annehmen.