Technologie 4.0: Einblicke in die Welt der KI-gesteuerten TV- und Videoproduktion
Ein Interview mit Marc Jonas und David Becker

Marc Jonas ist seit 2005 Geschäftsführer und Gesellschafter der nachtblau GmbH. Zuvor war er Projektleiter für technische Entwicklung sowie stellvertretender Sendeleiter bei RTL Nord. Nach einem Studium in Wirtschaftsingenieurwesen ist Marc Jonas als Volontär direkt in die „Bewegtbild-Branche“ eingestiegen und hat zunächst als Bildregisseur eines täglichen Nachrichtenmagazins gearbeitet. Anschließend war er in verschiedenen Führungspositionen bei RTL Nord tätig. Seit 2012 ist Marc Jonas zudem Mitgründer und Geschäftsführer der MAMAPOST GmbH, ein Unternehmen für Full Service Produktion und Postproduktion.

David Becker ist Postproduction Supervisor und Senior Product Manager für das Media Asset Management System medialoopster bei der nachtblau GmbH. Nach dem Studium der Informationstechnologie und Gestaltung konzipierte er ab 2012 das System medialoopster und verantwortet seitdem die Produktentwicklung. Zuvor war er als Video-Editor tätig und hat als Postproduction Supervisor viele Produktionsumgebungen für Kunden aufgebaut und betreut. Darüber hinaus arbeitete David Becker als Trainer im Bereich Videoschnitt und Postproduction-Workflows für nationale und internationale Medien-Unternehmen.

Lieber Herr Jonas, einerseits arbeitet die TV-Branche noch recht klassisch, andererseits kann sie sich nicht vor den enormen Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich gebracht hat, verstecken. Wie gehen Sie mit dem Druck um, Inhalte in immer kürzerer Zeit für immer neue und vor allem auch unterschiedliche Kanäle (z.B. Social Media) zu generieren und diese dann auch noch so kostengünstig wie möglich bereitzustellen?
Marc Jonas: Grundsätzlich spüren wir als technischer Dienstleister diesen Druck nicht direkt, sondern unsere Kunden, die täglich Videos für ihre Ausspielkanäle produzieren. Früher gab es eine bestimmte Deadline am Tag, zu der die Beiträge zur Ausstrahlung vorliegen mussten. Heute ist dies nicht mehr so, heute gilt oftmals die Devise "online first". Das wiederum impliziert zusätzliche Ausspielkanäle, die nach unterschiedlichen Beitragsvarianten verlangen, aber von ein und demselben Mitarbeiterstab produziert werden müssen. Da die Menschen leider nur zwei Hände haben, benötigen sie hierbei Unterstützung. Eine naheliegende Idee ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Solche KI-Software ist in der Lage, Redakteuren signifikant Arbeit abzunehmen und Arbeitsprozesse zu beschleunigen. Dadurch lässt sich Content definitiv schneller und kostengünstiger produzieren.

Wie ist der Spagat zwischen gut recherchiertem Qualitätsjournalismus und stets aktueller „Rundum-Information“ zu leisten?
Marc Jonas: Aus Sicht der Journalisten wird sich deren Tätigkeitsschwerpunkt sicherlich zugunsten des Qualitätsjournalismus verschieben. Rundum-Informationen werden schon heute von Agenturen eingekauft und anschließend an das eigene Medien-Format angepasst. Dieser Vorgang wird sicherlich zunehmend automatisierter erfolgen, um schließlich gänzlich von KI übernommen zu werden. Dies ist bedingt durch Kosten- aber auch durch Zeitersparnis. KI kann beide Faktoren radikal reduzieren.

Lieber Herr Becker, welche Prioritäten müssen hier, Ihrer Meinung nach, gesetzt werden?
David Becker: Um Prozesse zu beschleunigen, Kosten zu sparen, die Qualität und Quantität der Metadaten zu erhöhen und den Produktionsoutput zu steigern, ist der Einsatz von KI in der Medienproduktion unabdingbar. Aufgrund der Masse an Daten war dies in der Vergangenheit schlichtweg nicht möglich. Nun können diese Analysen innerhalb kürzester Zeit über den gesamten eigenen Videobestand erfolgen und zukünftig sogar mit weiteren Analysen anderer Systeme verknüpft werden. Dabei muss jedoch immer der Mensch im Mittelpunkt stehen, um zu verstehen, um welche Daten es sich handelt, wie die Ergebnisse ermittelt werden und welche Konsequenz damit verbunden ist. Denn letztendlich sollte der Einsatz von KI nur unterstützend für die Videoproduktion und die Journalisten sein. Der kreative Geist, der den Qualitätsjournalismus erzeugt, sollte nicht einheitlich sondern einmalig, unverwechselbar sein und sicherlich keinen allgemeinen Algorithmen unterliegen.

Inwiefern hat sich das Berufsbild des (Video-)Journalisten im Zuge der Digitalisierung verändert? Was sehen Sie als größte Herausforderung? Und wie sieht Ihr Lösungsansatz aus? Welche modernen Tools nutzen Sie?
Marc Jonas: Die Quantität der Informations- und Datenquellen hat heutzutage enorm zugenommen. Durch den Einsatz von Analysetools können die vorhandenen Informationen zudem mit weiteren deskriptiven Metadaten angereichert werden.  Das kann auf der einen Seite einen ungeheuren Mehrwert schaffen, auf der anderen Seite aber auch zu einem riesigen Informationsrauschen führen. Der Journalist benötigt Tools mit denen er das „Rauschen" sinnvoll filtern kann und er braucht anschließend Unterstützung bei der Bewertung und Verarbeitung des Contents. Wichtig ist hierbei, dass es eine sinnvolle Bündelung der Dienste in einem System gibt, damit er nicht für jede Anwendung das Programm wechseln muss und dass womöglich die Übergabe der Metadaten unterbrochen wird. Im Bereich der Videobearbeitung und -analyse denke ich, sind wir mit unserem Produkt medialoopster hier sehr gut aufgestellt.

Inwieweit kann KI Workflows in der TV- und Videoproduktion automatisieren und somit Ressourcen einsparen? Welche neuen Aufgaben entstehen für den Menschen?
David Becker: Wir sind ja bereits von KI-Diensten umgeben, egal ob wir uns mit Siri und Alexa unterhalten oder ob wir die Online-Übersetzungsdienste von Google oder deepL verwenden. Im ersten Schritt geht es meiner Ansicht nach in der TV-und Videoproduktion darum, die bereits existierenden KI-Dienste auf einer gemeinsamen Plattform zu integrieren. Dann kann die fertige Reisereportage mit einem Mausklick automatisiert transkribiert, übersetzt und sowohl mit Untertitel als auch synthetischer Voice-over in Sekunden weiteren Zielgruppen bereitgestellt werden. Mit minimalem Aufwand lässt sich dadurch die Reichweite enorm steigern. Im nächsten Schritt geht es darum, den Journalisten proaktiv durch KI bei der Recherche, Bildauswahl, Rohschnitt und Konfektionierung der fertigen Clips für unterschiedliche Ausspielkanäle zu unterstützen.

Marc Jonas: Bislang ging der Trend bei den Journalisten ja in Richtung Allzweckwaffe, nach dem Motto „drehen – texten – schneiden", wodurch die Kreativität sicherlich gelitten hat. Durch den Einsatz von KI bekommen Journalisten nun Werkzeuge zur Seite gestellt, die ihnen Arbeit abnehmen. KI bietet Journalisten die Chance wieder verstärkt kreativ tätig zu sein, um unterhaltsamen und kreativen Content zu erstellen. Denn das leistet KI auf lange Sicht noch nicht.