Professor Dr. Jürgen Angele leitet das Competence Center „Künstliche Intelligenz“ bei der adesso AG. Sowohl als Wissenschaftler als auch als Gründer und Leiter eines Unternehmens hat er über 30 Jahre Erfahrung in KI-Projekten und bei der Beratung von Start-ups gesammelt. Zudem hält er über 100 Publikationen und neun Softwarepatente im Bereich KI. Derzeit coacht er aufstrebende Entrepreneure, die Lösungen für Chatbots und Wissensmanagement entwickeln.
 

Lieber Herr Prof. Dr. Angele, die Vorteile liegen auf der Hand: Wenn Technologie und Daten vorhanden sind, kann Künstliche Intelligenz Geschäftsprozesse substanziell optimieren und Unternehmen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen. KI hat das Potenzial, die Welt von Grund auf neu zu gestalten. Was kann Künstliche Intelligenz besser als wir und welche Rolle wird der Mensch im Unternehmen 4.0 spielen?
Es gibt eine Reihe sehr eng gefasster Aufgaben, bei denen eine KI besser ist als der Mensch. Beispielsweise war es bisher sehr schwer einem Computer die Erkennung bestimmter Muster beizubringen, wie bei der Erkennung von Hautkrebs. Das hat sich nun geändert: Bei dieser Aufgabe ist die KI inzwischen besser als die meisten Ärzte. Andere Beispiele sind das Spielen von Schach oder Go. Allerdings ist das ja auch nichts Neues. Schließlich rechnet ein Taschenrechner auch besser als die meisten Menschen. Bei dem Beispiel mit Hautkrebs ist es übrigens so, dass die Kombination aus Arzt und KI viel besser als jeweils einer von beiden ist. Die KI kann sehr unwahrscheinliche Fälle aussortieren, so dass der Arzt mehr Zeit hat sich mit den wahrscheinlichen Fällen zu befassen. Zusätzlich kann der Arzt sein gesamtes Wissen über den Kontext und über den Patienten miteinbeziehen. Dies zeigt sehr deutlich, dass eine KI als Werkzeug zur Unterstützung des Menschen eingesetzt werden sollte.

Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Ich denke KI wird in sehr vielen auch alltäglichen Prozessen in Zukunft eine Rolle spielen. Das ist bereits heute der Fall. Beispielsweise untersuchen Smartwatches kontinuierlich das EKG ihres Trägers und alarmieren bei Problemen. Genauso werden KI-Verfahren in vielen Geschäftsprozessen in Zukunft ihre Wirkung entfalten. Wie bei jeder Technologie gibt es natürlich auch Schattenseiten. Beispiele dafür sind militärische Anwendungen oder auch Social Scoring, wie das im Moment in China gemacht wird.

Sie beraten Unternehmen hinsichtlich des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz. Gibt es eine allgemeine Richtlinie oder einen Ratschlag, den Sie per se allen Unternehmenslenkern im digitalen Transformationsprozess mit auf den Weg geben würden?
Ich denke es ist sehr wichtig, sich mit diesen Themen zu befassen und zu prüfen an welchen Stellen diese im eigenen Unternehmen sinnvoll einsetzbar sind und einen Mehrwert schaffen. Ansonsten könnte es passieren, dass Konkurrenzunternehmen ihre Digitalisierung besser bewerkstelligen und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil schaffen.

Welche Entscheidungen unseres Arbeitsalltags können und wollen wir den Algorithmen mit gutem Gewissen überlassen – und welche nicht?
Dazu gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Aktivitäten auf unterschiedlichsten Ebenen um Regelwerke zu definieren, welche Entscheidungen von einer KI übernommen werden können und welche nicht.

Inwiefern werden sich Unternehmen und das Arbeitsleben der Zukunft verändern? Wie sieht Ihre persönliche Zukunftsvision aus?
Wie immer bei solchen Neuerungen wird es einen entsprechenden Strukturwandel geben. Dies bedeutet, dass bestimmte Berufe in Zukunft weniger gefragt sind, und andere mehr. So wird für autonomes Fahren prognostiziert, dass eine ganze Reihe von Berufen wie zum Beispiel Taxi- oder LKW-Fahrer weniger gefragt sein werden. Ich denke, wenn man entsprechende „schlechte“ Einsätze von KI vermeiden kann, kann man viele Entscheidungen verbessern und den Menschen von langweiligen Routineaufgaben entlasten, so dass sie die Zeit haben sich schwierigeren, kreativeren Fragestellungen zu widmen. Insofern wären wir meiner Meinung nach in der Lage unsere Zukunft mit KI-Technologien besser zu gestalten.