Dr. Jörg Merlein ist Geschäftsführer von proTechnicale, ein Projekt, das jungen Frauen Einblicke in interessante High-Tech-Gebiete gibt und sie auf ein Studium im MINT-Bereich vorbereitet. Im Interview spricht Dr. Merlein von beruflichen Werdegängen und deren Wandel durch die Digitalisierung.

 

Lieber Dr. Merlein, was genau macht proTechnicale? Können Sie das Ziel des Projektes kurz schildern?

Dr. Jörg MerleinproTechnicale ist ein Studienvorbereitungs- und Orientierungsjahr für junge Frauen nach dem Abitur. Wir wollen junge Menschen dabei unterstützen, sich zu selbstbewussten, kritisch denkenden Persönlichkeiten zu entwickeln, die auch Verantwortung in und für die Gesellschaft übernehmen wollen. Bei proTechnicale legen wir den Fokus auf junge Frauen im MINT-Bereich, also alle Bereiche mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Mit den Schwerpunkten Aerospace, erneuerbare Energien und Philosophie wollen wir die Faszination für MINT wecken und fördern. Mit proTechnicale können Abiturientinnen ein Jahr in verschiedenste technische Bereiche hineinschnuppern, ein Netzwerk zu Entscheidern und Firmen aufbauen und ihre Persönlichkeit entwickeln. Dabei haben wir einen hohen Anspruch an die Workshops und Seminare. Diese entsprechen den Anforderungen des Modulhandbuchs der HAW Hamburg. Die gleichen Anforderungen gelten auch für unsere Partner, die Praktikumsplätze im In- und Ausland zur Verfügung stellen. Wir wollen wirklich zeigen, was es bedeutet, in einem technischen Umfeld zu arbeiten, welche Anforderungen gestellt werden und welche Hürden zu meistern sind. Frauen und Technik ist kein Widerspruch, sondern eine exzellente Symbiose, um Innovation und Nachhaltigkeit durch Diversity voranzutreiben.

 

Wie gehen die angehenden Studierenden mit der Digitalisierung um? Können Sie die Unterschiede zwischen sich selbst und der kommenden Generation beschreiben?

Studierende sind sehr offen für IT-Themen, sie fordern geradezu Inhalte und Workshops zu Programmierung und Automatisierung. Die nächste Generation möchte „smart“ arbeiten, um sich die Arbeit leichter zu machen und die gewonnene Freiheit sinnvoll zu nutzen. Aus meiner Sicht ist aber der Hintergrund nicht direkt die Steigerung der Produktivität, sondern die Verwirklichung der eigenen Ziele und Wünsche. Insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein wichtiger Aspekt. Die junge Generation scheut nicht die Arbeit, möchte aber eine gewisse Work-Life-Balance in ihr Leben integrieren. Ich glaube, ich bin gar nicht so weit weg von der „jungen“ Generation. Ich sehe aber ein Gap zur Vorgängergeneration, die noch unter ganz anderen Vorzeichen aufgewachsen ist, die eine andere Arbeitsweise kennengelernt hat und an dieser heute noch festhält. Hier sehe ich regelmäßig Missverständnisse in der Kommunikation, beziehungsweise Unverständnis, wenn es um Entscheidungen oder Prioritäten geht. Man glaubt geradezu, dass die verschiedenen Generationen ganz unterschiedliche Sprachen sprechen. Ich glaube auch, dass diesbezüglich große gesellschaftliche Veränderungen auf uns zukommen.

 

Wie könnten diese gesellschaftlichen Veränderungen aussehen?

Das wird sich zeigen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass Personalabteilungen in Zukunft stark damit beschäftigt sein werden, neue Modelle und Prozesse zu entwickeln, damit neue Mitarbeiter im Rahmen ihrer Bedürfnisse und Erwartungen abgeholt werden und sich entsprechend entfalten können. Der Kampf um die Talente hat bereits begonnen!

 

Was treibt Sie an? Mit welcher Motivation und Intention sind Sie für proTechnicale tätig?

Ich hatte schon als Jugendlicher das Bedürfnis, mein Wissen an Jüngere weiterzugeben. Deshalb wollte ich wahrscheinlich auch mal Lehrer werden. Kommiliton*innen bescheinigten mir auch eine Kompetenz im Vermitteln von Wissen und Erklären von Sachverhalten. Unter den Alumnae von proTechnicale geht der Spruch um: „Pass auf, wenn du dem Merlein eine mathematische Frage stellst. Packt er erst einmal den Flipchart aus, dann kommst du unter einer Stunde nicht mehr aus dem Büro raus!“

Es macht einfach Spaß mit motivierten und wissbegierigen jungen Menschen zusammen zu arbeiten. proTechnicale bietet mir diese Möglichkeit auf eine unbürokratische und unkomplizierte Art und Weise. Gleichzeitig kann ich mich ehrenamtlich engagieren und somit der Gesellschaft etwas zurückgeben. Ich hoffe, dass die nachfolgende Generation von meinem Wissen und Erfahrungen profitieren können, aber auch aus meinen Fehlern lernen.

 

Sie selbst sind studierter Physiker. Wie sind Sie zum Geschäftsführer von proTechnicale geworden? Erzählen Sie uns von Ihrem Werdegang.

Das Projekt wurde von Herr Manfred Kennel ins Leben gerufen. Ich selbst war einer seiner ersten Mitarbeiter in einem Ingenieurbüro für Erneuerbare Energie, Aerospace und Industrieberatung in Stockach am Bodensee. Kennel hatte mir die Projektleitung schmackhaft gemacht, weil ich ursprünglich Gymnasiallehrer für Mathe und Physik werden wollte. Nach dem 1. Staatsexamen an der Uni Erlangen habe ich meine Leidenschaft für die Grundlagenforschung entdeckt und eine Doktorandenstelle für Nanotechnologie und Laserphysik an der Uni Konstanz angenommen. Im Nebenfach hatte ich Econophysics gewählt und mich mit Risikomodellen - speziell an Kapitalmärkten - befasst. Ich hatte schon immer Interesse an Wirtschaft und konnte mich nicht wirklich mit der Bürokratie vor allem im bayerischen Staatsdienst oder als Angestellter (mit einem befristeten Vertrag) einer Universität identifizieren. Deshalb habe ich nach meiner Promotion den Weg in die Wirtschaft gesucht. Über einen Umweg als Unternehmensberater für erneuerbare Energien in Frankfurt am Main bin ich dann im Ingenieurbüro Sophia.Tec von Herrn Kennel gelandet. Eigentlich sollte ich das Projekt proTechicale nur interimsweise leiten. Das war 2011. Seit sieben Jahren leite ich nun das Projekt und seit 2015 bin ich Geschäftsführer der Sophia.T gGmbH. Mittlerweile haben wir weitere Projekte gestartet oder werden diese im Oktober erstmalig starten.